Von lächelnden Menschen und wedelnden Hunden

Die analogen (nonverbalen) Kommunikationsformen des Hundes... oft missverstanden vom Partner Mensch.

Lächeln ist gut, Lächeln ist positiv…. beschert uns ein Wohlgefühl und wiegt uns in Sicherheit. Gleiches gilt für wedelnde Hunde… wirklich???

 

„Lachen ist ein angeborenes Ausdrucksverhalten des Menschen, das nicht nur, aber vor allem in der Gemeinschaft mit anderen seine Wirkung entfaltet. Lachen ist die natürliche Reaktion eines gesunden Menschen auf komische oder erheiternde Sachlagen, erscheint aber auch als Entlastungsreaktion nach überwundenen Gefahren. In dem menschlichen Miteinander wird das Lachen als Ausdruck für Sympathie und gegenseitiges Einverständnis verstanden und entfaltet dadurch eine besänftigende, konfliktbegrenzende Wirkung, die dem Zusammenleben in Gruppen förderlich ist.“

 

ICH kenne viele Formen des Lachens – vielen davon würde ich uneingeschränkt den Stempel „positiv“ aufdrücken; anderen auf gar keinen Fall! Neben dem fröhlichen, dem netten, sympathischen, ruhigen, dem freundlichen, erleichternden und sanftmütigen Lächeln gibt es auch ein unsicheres Lächeln, ein schüchterndes, ein „ich-fühl-mich-gar-nicht-wohl“-Lächeln und NATÜRLICH das Hannibal - Lector - Exemplar: ein bösartiges Lächeln, ein kaltes, ein brutales, ein ironisches, zynisches oder hinterhältiges Lächeln.

 

Wer also will behaupten, ein lächelnder Mensch führe nur Gutes im Schilde? Dieser Gesichtsausdruck alleine sagt in der Regel noch gar nichts über die Absichten derer aus, die unsere Wege kreuzen. Ein – vermeintlich – freundliches Lächeln, begleitet von unflätigen Worten = KEIN nettes Lächeln – no way! Ein – offensichtlich – ruhiges und sanftes Lächeln, in dessen Mundwinkeln sich eine knallharte Drohung formuliert und verbal entweicht = KEIN nettes Lächeln – KEINE „gute“ Absicht!

 

Und nicht nur das, was wir hören, ist wichtig zur Beurteilung von „freundlichen“ Menschen, sondern ebenfalls die Körpersprache. Ein freundliches Lächeln, dessen Erzeuger ein Messer in der Hand hält? Ein sympathisches Lächeln und ein Gesicht, dass sich uns im Sturmschritt wild gestikulierend und schreiend nähert – eine „freundliche“ Avance? Mit Nichten!!!

 

Jeder gestandene, halbwegs lebenserfahrene Mensch würde die Signale erkennen, verstehen und… entsprechend handeln! Je nach Typ Mensch – er/sie würde erstarren, oder fliehen, um Hilfe rufen, abwehren oder gar angreifen. Würde er später auf dem Polizeirevier erzählen, was sich aus seiner Sicht zutrug, dass er sich bedroht gefühlt habe durch das Verhalten von Mr. X… Verständnis und Sympathie wären ihm sicher! Niemand käme auf den Gedanken, angesichts frontaler Angriffstaktik und aufgestelltem Klappmesser verständnislos den Kopf zu schütteln und dem Opfer sein „Opferstatus“ abzusprechen, weil Hannibal doch gelächelt hat…

 

Und wie schaut es bei der Spezies „Hund“ aus? Bemühen wir doch einmal den Volksmund – er soll es doch wissen müssen…

 

„Stumme Hunde und stille Wasser sind gefährlich.“

 

„Schweigender Hund beißt am ersten.“

 

"Hunde, die bellen, beißen nicht!"

 

Nun, gehen wir zunächst einmal einen Schritt in der hündischen Kommunikation zurück… bevor er bellt. Interessantes wissen in dieser Hinsicht so manche Hundehalter zu berichten.

 

In einem kürzlich geführten Telefonat mit einer (hunde)abgabewilligen Halterin berichtete sie mir voller Entrüstung über ihren Hund: „… und dann biss er einfach den Hund meiner Nachbarin. Ohne Grund – er hat sogar noch gewedelt und trotzdem – er ist einfach unberechenbar!“

 

Auf einem Spaziergang begegneten wir einem älteren Herrn mit seinem Foxterrier – heftig wedelnd näherte er sich meinen Hunden – auf meine Bitte, seinen Hund zunächst einmal zurückzurufen und anzuleinen, bescherte mir der Mann ein „… keine Sorge, der ist einfach nur wahnsinnig freundlich zu jedem Hund…!“

 

Was genau bedeutet denn nun das Wedeln eines Hundes? Nur Positives? Immer auch ein freundliches „Lächeln“ – ein nettes Hallo?

 

Ebenso wie das menschliche Lächeln reicht das Wedeln alleine nicht immer aus, um die „Gemütsverfassung“ des Hundes zu beurteilen. Wedeln  – „stand-alone“ - betrachtet - bedeutet zunächst einmal ein Zustand der "Erwartung", der Erregung. Und Erregung bezeichnet eine “… durch Reize verursachte Zustandsänderung von Organismen in Richtung höherer Aktivierung, die die Übertragung und Verarbeitung von Information ermöglicht.“

 

Stellen Sie sich vor, Sie haben im Lotto gewonnen und befinden sich gerade auf dem Weg zur Lottozentrale, um sich Ihren Gewinn auszahlen zu lassen. Sie sind gutgelaunt, er- bzw. aufgeregt, erwartungsvoll, freudig erregt… und wahrscheinlich lächeln Sie unentwegt!

 

Und nun erinnern Sie sich einmal an Ihr erstes Vorstellungsgespräch… wissen Sie noch… damals…? Ebenfalls höchste Erregung: in welchen Fächern werde ich geprüft; wie viele Mitarbeiter werden anwesend sein und mich beurteilen? Gibt es auch einen schriftlichen Prüfungsteil? Oh Gott, hoffentlich werde ich mich nicht blamieren…?! Ich betrat den Prüfungsraum mit einem Lächeln auf den Lippen und feuchten Händen, in "Erwartung" des Ungewissen. Hier hat die Erregung einen gaaanz anderen Hintergrund: Unsicherheit, vielleicht sogar ein wenig Angst…

 

Zurück zum Hund und seiner Kommunikation. Wedeln ist Kommunikation; die wedelnde Rute signalisiert „Information“ und gekoppelt mit der restlichen Körpersprache des Hundes entsteht ein ganzes Informationsbild. Je heftiger das Wedeln, je größer die Erregung, die Erwartungshaltung… was ihn wohl "erwartet"? Ist der Mensch freundlich, der sich gerade anschickt, ihn zu streicheln? Ist der andere, der fremde Hund abwartend-neutral oder sucht er zielstrebig die Konfrontation? All dies will nun geklärt werden zwischen den Hunden - und das Ergebnis dieser „Aufklärung“ ist sehr unterschiedlich – und abhängig von den jeweiligen Hundetypen, die sich gegenüberstehen (wenn man es den Hunden überlässt) und abhängig von der jeweiligen Mensch-Hund-Bindung (wenn der Faktor Mensch als „Rudelführer“ über den Ausgang dieser Konfrontation entscheidet).

 

Ähnlich dem menschlichen Lächeln (und der restlichen Körpersprache…) kann auch das Wedeln nicht isoliert betrachtet werden. Die Haltung der Ohren, des Kopfes, des Rückens, das Ausdrucksverhalten der Augen etc.… dies alles gilt es zu berücksichtigen, um zu beurteilen, wie der einzelne Hund auf eine Begegnung mit z.B. einem (fremden) Artgenossen, einem Menschen oder auf bzw. in einer bestimmten Situationen reagiert. Ist das Wedeln + Körpersprache Ausdruck von Dominanz oder Unsicherheit, von Aggression oder Panik?

 

Wie das Lächeln kann auch das Wedeln unterschiedliche Gründe und unterschiedliche Botschaften haben. Je „aufgesetzter“ das Lächeln, so unnatürlicher der Mensch… warum? Vielleicht ein Ausdruck der persönlichen Zerrissenheit,  eines Konfliktes in einer bestimmten Situation, zwischen dem, was wir eigentlich tun möchten und dem, was wir uns „genötigt“ fühlen, tun zu müssen – das familiäre „Protokoll“ („Sei nett zu Tante Käthe, sie fährt ja auch bald wieder heim…!"), die berufliche Etikette („Begrüßen Sie bitte Ihre neue Kollegin auf das herzlichste, sie ist hochqualifiziert und wird einige von Ihnen bald überflüssig machen…“) und der persönliche Spagat ("… Schatz, freust Du Dich nicht auch wahnsinnig mit mir, dass der MSV gewonnen hat?")

 

Je stärker das Wedeln, je größer der „Konflikt“: „Uih… so eine gut duftende Hundedame, da muss ich hin… wie sie wohl reagiert?“ Oder: „Den scharrenden Rüdenmacho da vorne, den riech´ ich doch 7 Meilen gegen den Wind – warte ab, Bürschchen, Dir zeig´ ich noch, dass dies mein Baum ist!“

 

Kein Wedeln – wenig „Konflikt“: selbstsicherer/dominanter Hund, entschlossener Hund… und ein Hund, den man auf keinen Fall unterschätzen sollte! Er hält sich in der Regel nicht mehr mit „auffälliger“ Kommunikation auf, sondern agiert oder reagiert sekundenschnell. Das kann durchaus ein ignorantes Weitergehen sein, ohne seinen Artgenossen eines einzigen Blickes zu würdigen; oder aber auch ein Angriff und Dominieren seines Gegenübers, wenn er in ihm eine Gefahr für sich oder seine Ressourcen (Frauchen, Futter, Spielzeug/Beute, Territorium etc.) erkennt.

 

Und nun… gehen wir zu den tagtäglichen Ausgangssituationen im Hundealltag zurück. „Keine Sorge, der ist einfach nur wahnsinnig freundlich zu jedem Hund…, sehen Sie, wie wild er wedelt?!“

 

Wie würde ich mich fühlen, wenn Hannibal Lector maliziös lächelnd auf mich zulaufen würde? Würde es mich beruhigen, wenn jemand sagte: Der tut nix – er freut sich halt so, Sie zu sehen!? Die Spanne zwischen dem Augenblick, in dem ich Angst empfinde und ich ihr zunächst hilflos ausgeliefert bin, in dem ich überlege, ob ich meinerseits angreifen soll oder besser flüchten – das ist STRESS pur! Und diesen Stress erleben viele Hunde jedes Mal bei Begegnungen mit ihresgleichen, egal, wie die Konfrontation am Ende ausgeht. Denn… wie sie ausgehen wird, dass kann weder Hund noch Herr mit Sicherheit prognostizieren!

 

Achten Sie genau auf Ihren Hund und seine Körpersprache… und ersparen Sie ihm unnötigen Stress.

 

1. Der „ängstliche“ Hund kann nichts Gutes daraus lernen – außer, dass Sie (wo Sie doch sein Rudelführer, sein Fels in der Brandung sein wollen…) ihn im Stich und ggf. ins offene Messer laufen lassen. Verlassen, mit der Hoffnung, dass der andere Hund kein Hannibal ist.

 

2. Der „mutige“ Hund kann nichts Gutes daraus lernen – außer, dass er für sein Überleben und dem Ihrigem (denn die Verantwortung für Sie hat er schon längst übernommen…) die Dinge selbst in´s Maul, in die Zähne nehmen muss.

 

3. Der „freundlich-wohlgesinnte“ Hund kann nichts Gutes daraus lernen – außer, dass seine Kommunikation ggf. missverstanden wird und er nach einem oder mehreren „Hannibal“- Erlebnissen die Wahl hat zwischen Verhaltensvariante 1 oder 2.

 

Ist es wirklich zuviel verlangt, als verantwortungsvoller Hundehalter auf seinen Hund zu achten? Hundebekanntschaften steht schließlich grundsätzlich nichts im Wege, aber beim „Wann“ und „Wie“ sollte wir sie schon im Auge behalten! Kennen Sie jeden Hund, der Ihnen beim Spaziergang entgegen kommt? Wissen Sie, ob es sich bei DIESEM Exemplar um einen gut geprägten und sozialisierten Hund handelt… oder vielleicht nicht doch um einen 4-Beiner, der bereits tief sitzende Aggressionen gegenüber Artgenossen besitzt? Ein lächelnder, wedelnder Hannibal...?

 

Und möchten Sie, dass Ihr Hund die Antwort auf diese Frage selber herausfinden muss?

 

Martina Wald

www.angsthunde-intensivtraining.de

Kontakt

Martina Wald

martinawald@t-online.de

 

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