"Er hat einen unwahrscheinlich wuuunderbaren Charakter!"

Ich kann nicht erkennen, ob diese freudige Feststellung männlicher oder weiblicher Natur ist, denn mein Gesicht liegt unter einer meterlangen, feucht-sabbrigen Zunge, die stetig und unaufhaltsam Richtung Ohr wandert und auch dort seinen Job vollstrecken möchte. Sobald es mir die Sicht und meine Körperhaltung erlauben, schaue ich genauer hin... die Aussage über den "wuuuunderbaren" Charakter stammt von einem jungen, kräftigen Mann (nett anzuschauen...!) und bezieht sich zweifelsohne auf seinen Hund im meinem Gesicht, einen ebenso jungen wie kräftigen Rhodesian-Ridgeback-Rüden in der Schwergewichtsklasse. Aber alles der Reihe nach...


Heute ist ein wunderbarer Tag, so wie der Tag gestern, und vorgestern und vor-vorgestern... kalt, sonnig, trocken - ein Tag, an dem man (wie schrieb es doch so treffend die neue Besitzerin von Räuber kürzlich...) seinen Mitmenschen Frieden und Gesundheit wünscht und sich selbst natürlich auch. Mein Spaziergang mit den Hunden führt mich in das nahe gelegene Naturschutzgebiet, in dem mal wieder alle Hunde frei laufen, TROTZ ausdrücklicher Hinweisschilder, dass es sich um ein NSG handelt. Sie wissen schon... das auf den Kopf gestellte dreieckige Schild, mit den Riesenlettern "Naturschutzgebiet" und dem darunter gezimmerten Hinweisschild, was in einem solchen Gebiet alles nicht erlaubt ist...? Reiten z.B., oder auch den Hund unangeleint laufen zu lassen. Ich bin nun wahrlich kein Obrigkeitsfanatiker und "mogele" auch gerne ab und zu einmal; allerdings... meine Hunde hören, jagen nicht und bleiben auf den Wegen. Das kann man heute leider von den meisten Hunden, die uns begegnen, nicht wirklich behaupten... neeh.


Der - "er hat einen unwahrscheinlich wuuuuunderbaren Charakter!!" - Hund gehört auch in diese Kategorie. Freilaufend, freiheitsliebend und das Herrchen einen guten Mann sein lassen. Taub auf beiden Ohren oder zumindest schlau genug, dieses Handicap realistisch zu verkaufen. Schon aus der Ferne sehe ich ihn (nur den Hund, wohlgemerkt; Herrchen ist... hm... irgendwo???), suchend nach Entertainment und das findet er dann schließlich, als er mich und meine vierbeinige Seniorenband erspäht. Die Erde dröhnt, das laute Hecheln und erwartungsschwangere Janken ist 500 m gegen den Wind zu hören... auf uns zugestürmt im vollen Galopp kommt Big Browny, seines Zeichens Angehöriger der Rasse Rhodesian Ridgeback, ca. 1 Jahr jung und mindestens (geschätzte) 45 kg schwer! Er erinnert mich sofort an Hutch (Sie wissen schon, das Megateil aus dem Film "Scott & Hutch" mit Tom Hanks...) - erst fällt ihm sein Gesicht buchstäblich aus dem Gesicht (wenn er nach vorne beschleunigt), dann wird er von selbigem Dank der einsetzenden Schwerkraft quasi "überholt" und es schaut aus, als wolle er sich seines gesamtes Fells über den Kopf hinweg entledigen... meine Hunde und ich (auch meine lädierten Bandscheiben) hoffen inständig, dass sowohl seine Augen als auch seine Bremse störungsfrei funktionieren und ein Zusammenprall bei Tempo 40 km/h vermeidbar ist...


Meine Hunde suchen vorsichtshalber schon einmal Schutz hinter mir, während ich in einer gut simulierten und zuversichtlichen "Ich-mach-das-schon-Jungs-nur-keine-Angst"- Pose dem heranwalzenden RR Paroli biete. Nonverbal, rein körpersprachlich bremse ich ihn aus (er war gnädig, und hat bereits das Tempo um die Hälfte gedrosselt, bevor er uns erreicht...) und hindere ihn am direkten Zugang und Kontakt zu meinen Hunden, die mich immer wieder flehentlich ansehen und genau wie ich hoffen, dass sie nicht unter einem Berg von Muskeln und Sehnen begraben werden. Der RR befindet, dass dies ein lustiges Spielchen sei... und freudig springt er laut bellend vor und zurück, zurück und vor. Prima, einer meiner leichtesten Übungen... ich hätte es deutlich schlechter treffen können.


Während sich hinter mir meine Rentnerband wieder entspannt und mir trotz 0 Grad Celsius so langsam warm wird beim "Spiel" mit dem RR, gesellt sich dann auch langsam Herrchen zu uns - auf der verzweifelten Suche nach seinem Hund hat er zufällig den richtigen Weg eingeschlagen... und findet uns. Klasse Leistung - zumindest sind die Ohren von Herrchen top; immer dem Gebell folgend...! Wie gesagt, sein Hund hingegen leidet an Durchzugsstörungen auf beiden Ohren und auch der Zuruf seines Herrchens nunmehr aus unmittelbarer Nähe ändert nichts an diesem Handicap. Und als ich nun hoffe, dass meine körperintensive Wegsperre endlich ein Ende finden würde (immerhin, Herrchen hat eine Leine dabei... leider nicht am Hund, sondern leger um seinen (Herrchen´s - wessen sonst..?) Hals gewickelt), werde ich eines Besseren belehrt. Big Browny "bedankt" sich auf seine Art für meine unermüdlichen Entertainmentversuche, springt mich unvermittelt an, ich taumele, sinke wie nach einem K.O.-Schlag in die Knie und erfahre eine feuchte Ganzgesichtsmassage mit anschließender Ohrenreinigung.


"Er hat einen unwahrscheinlich wuuuuunderbaren Charakter!! Und überhaupt, er ist einfach ein wuuunderbarer Hund!!", meint Herrchen ganz stolz und offensichtlich sehr glücklich, sein Prachtexemplar von Hund wieder gefunden zu haben. "Wunderbar wäre es auch, wenn der Hund etwas besser auf Sie hören würde!", denke ich (nur)... kein Wort verlässt meine Lippen angesichts der drohenden Gefahr eines unerwünschten Zungenkusses von Big Browny und überhaupt... wie gesagt - heute ist ein schöner Tag und ich wünsche mir, Big Browny und Anhang Gesundheit und Frieden auf ganzer Linie. Der Herr ist ganz Gentleman und hilft mir wieder auf die Beine - wenigstens hat er ein schlechtes Gewissen, erkundigt sich, ob ich mich verletzt habe... Während ich mich vorsichtig aufstelle und inständig hoffe, der berüchtigte Knacks bleibt aus, ist der Hund auch schon wieder weg. Gut für mich und meine Hunde - schlecht für das nächste Opfer, diesmal in Form einer älteren Dame nebst Dackel. Ich kann ihr Herzklopfen buchstäblich hören und während ich in Gedanken meine Erste-Hilfe-Kenntnisse resümiere, ruft Herrchen laut und deutlich hinter seinem Hund her: "Der tut nix - er ist halt nur ein wenig stürmisch; er ist ja auch noch soooo jung, da hört er noch nicht so gut....!" Ich denke (und beiße mir dabei erneut auf meine ansonsten spitze Zunge)... "wenn nicht jetzt, wann soll er denn lernen zu hören, hm?" und beobachte mit gemischten Gefühlen, wie der Dackel einen hysterischen Kläffanfall bekommt, während die ältere Dame noch überlegt, ob sie sich für ihren Hund opfern soll.


Was folgt, ist der rettende (und offensichtlich bereits in der Vergangenheit erfolgreiche...) Einfall von Herrchen, kurz bevor der Showdown "Dampfwalze meets Dackel" stattfindet: "Oooooh, die SUUUUSIIII ist hier, die feine SUUUUSI - schau mal". Verwirrt suche ich nach Susi - sie ist nicht da. Wie könnte sie auch, ist sie doch laut Herrchen "die Lieblingshündin von Big Browny, eine kleine Pudelhündin- die spielen immer so schön zusammen und wenn er ihren Namen hört, kommt er - meistens - sofort zurück". Aha! Wieder was gelernt! So richtig kann mir mein Vorstellungsvermögen nicht auf die Sprünge helfen, angesichts einer zarten Pudeldame und der braunen Walze. Im Geiste sehe ich vielmehr eine verzweifelte Pudeline, die sich vorsorglich schon einmal POST-IT Sticks an jeden einzelnen ihrer zarten Knochen heftet, damit sie NACH dem Spiel mit Rambo ihr Knochenpuzzle schnell wieder zusammensetzen kann.


Aber.... der Trick wirkt! Immerhin. Big Browny dreht eine Nanosekunde vor dem universellen Aufprall auf die ältere Lady nebst Dackelchen ab und stürmt zu Herrchen zurück. Ich wage den Versuch und erinnere ihn an die mitgeführte Leine... ach ja, DIIIIIE! Nach einem kurzen Ringkampf ist die Leine dran und der RR zeigt alle Qualitäten für eine (offensichtlich schon vor Monaten begonnene...) Karriere als Leinenmonster. Während ich mich nun im Plauderton mit Herrchen unterhalte, wechselt dessen Gesichtsfarbe von zunächst fleischfarben in ein zartes Rot (irgendwie niedlich..., ehrlich!). Es fällt ihm offensichtlich schwer, gleichzeitig zu sprechen und sein 45kg-Powerpaket in seiner Nähe zu halten. Nach ca. 5 Minuten habe ich ein wenig Angst, dass Herrchen Herzryhtmusbeschwerden plagen - sein Atem kommt nur noch stoßweise, ich verstehe kaum noch seine Wortfetzen und sein Gesicht läuft purpurrot an - Man(n) hat´s halt nicht leicht, gleichzeitig zu denken, reden, atmen... und noch den Hund im Griff zu haben.


"Wie sind Sie denn zu einem RR gekommen", flöte ich vorsichtig, um ihm eine Atempause zu gönnen. Er hechelt und stöhnt (Herrchen wie gesagt, nicht sein Hund...) und erzählt, wie er und seine Freundin Big Browny als Welpen von einem Züchter gekauft haben. Alles war gut geplant. Beide haben versetzte Arbeitsschichten, der Hund ist nie länger als 4 Stunden alleine. Morgens hat die Freundin den Hund Gassi geführt; nachmittags er. Hundeerfahrung war vorhanden, zumindest bei der Freundin (sie und ihre Eltern hatten immer Dackel... na immerhin etwas, denke ich so in mich hinein, dann hätten sie wenigstens gut mit dem schlaganfallgefährdeten Seniorendackel von soeben sympathisiert...) - er ist Novize auf dem Gebiet, aber "sehr lernfähig". Sodele...


"Und... wie kommt denn Ihre Freundin so mit Big Browny zurecht?" frage ich, um diese scheinheilige Frage auf dem Fuße zu bereuen. Irgendwie bekommt der Gesichtszug von Herrchen zunehmend Ähnlichkeit mit Hutch, wenn er die Hausregeln erklärt bekommt. Ab dem Alter von 6 Monaten war die Freundin nicht mehr in der Lage, den Hund körperlich zu führen (bin ICH verwundert? Nee, nicht wirklich....) und weigert sich seitdem (nach den entsprechenden "Vorfällen" mit Passanten, die den wuuuunderbaren Charakter dieses Hundes nicht so richtig zu schätzen vermochten...), den Hund auszuführen. Als Herrchen die "eigentlich gar nicht so schlimmen Vorfälle" spezifiziert, verfinstert sich sein Blick, die Augen zucken ein wenig und fast schon bin ich ein wenig um sein Seelenheil besorgt. Es kommt schlimmer. Am Ende seiner Ausführungen ist er sichtlich verzweifelt und tröstet sich mit dem Gedanken, dass "...der Hund ja auch älter und sicherlich ruhiger und vernünftiger wird." Schnell wechsele ich das Thema - ein tobender Hund UND ein heulendes Herrchen - nääääh - das ist selbst mir heute zu viel. Gesundheit und Frieden für alle - ganz besonders für ihn...


Ich fühle mich genötigt, Herrchen - ansatzweise - die Bedeutung vom Lernverhalten des Hundes nebst Konsequenz des Halters zu vermitteln, was mehr oder weniger in einem Monolog endet. Herrchen hört höflich und angestrengt zu; die Hälfte der Informationen entgeht ihm, nämlich immer dann, wenn er wieder mit seinem Hund "kämpft", der bereits ein neues Spielobjekt ausfindig gemacht hat. Schwerstarbeit für beide. Ich möchte Herrchen so gerne sagen, dass er am Besten nochmal "ganz von vorne" beginnt; die Grundsteine der Erziehung in kleinen, stetigen, konsequenten Schritte neu konditioniert (schade, dass er dies nicht bereits im Welpenalter spielerisch gestaltet hat, dann müsste er sich jetzt nicht tagtäglich mit 45 kg körperlich auseinandersetzen...). Ich versuche, Begriffe wie "Einschränkung", "Abhängigkeit", "Privilegienentzug" genauso verständnisvoll zu erklären wie "positive Motivation", "sinnvolle Beschäftigung" und "Auszeiten". Herrchen schaut mich skeptisch an... Big Browny soll nicht mehr auf die Couch und ins Bett? Und die Leinenführigkeit üben, wo er doch unbedingt seine Freiheit braucht? Und wieso denn Kopfarbeit? Der Hund kann sich doch so schön selbst beschäftigen...?


Ich lasse meine Ratschläge dann auch einfach in der Luft hängen und überlasse es ihm, was er daraus macht... zuvor allerdings habe ich ihn noch völlig uneigennützig gefragt, ob er denn HIER öfter spazieren gehe mit seinem Hund...? "Ja, jeden Tag - immer um die gleiche Zeit", lautet die freudige Antwort (ob er wohl auf ein erneutes Rendez-Vous hofft?). Ich jedenfalls nicht und Ort wie auch Zeit seines Spaziergangs habe mir sofort mental gemerkt mit dem dick unterstrichenen Hinweis: Off-Limits - Auslaufgebiete mit unerwünschten Nebeneffekten - nur mit sonnigem Gemüt, Hundeklamotten und intakten Bandscheiben zu empfehlen...


Wir verabschieden uns, wünschen uns aufrichtig gegenseitig "alles Gute!" und ich schiebe noch ein stummes "Friede und Gesundheit mit Euch!" hinterher...

 

Martina Wald

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Martina Wald

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