"Ich würd´ ja auch so gerne, aber..."

Mitleid alleine genügt nicht! Hilfe kann auf unterschiedlichste Weise angeboten werden; jammern indes... hilft niemanden.

Wer kennt sie nicht, diese Feststellung aus den einschlägigen Foren, einem Telefonat oder einer e-mail? Das, was dieser Aussage vorausgeht, hat fast immer den gleichen Anlass: ein Tierschutzverein, eine private Tierschutzinitiative wie auch tierschützerische Einzelkämpfer bitten um Hilfe. Wenn dieser Notruf ertönt, ist eins sicher: ein Hund befindet sich in höchster Not, benötigt dringend eine Pflegestelle oder eine Notunterkunft, weil die (Noch)-Besitzer mit Einschläferung oder Aussetzen drohen…. oder weil aus den Telefonaten mit ihnen ersichtlich ist, dass der Hund nicht artgerecht gehalten und versorgt wird oder, bestenfalls, die Besitzer völlig mit dem Hund überfordert sind und sich keinen anderen Rat mehr wissen, als ihn abzugeben… ihn aber nicht in ein Tierheim geben wollen.


 
Und so sieht ein solcher Notruf – exemplarisch für viele, viele andere – z.B. aus:


 
DRINGEND! 8-jährige, kleine Mischlingshündin CORA, in einem sehr schlechten Allgemeinzustand sucht dringend eine Pflegestelle, gerne auch nur kurzfristig, bis wir eine Langzeitpflegestelle oder Endplatz für sie gefunden haben. Die Hündin ist total vernachlässigt, lebt an der kurzen Kette und hat noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Der Besitzer möchte nun wieder einen jungen Hund und will Cora morgen einschläfern lassen. DRINGEND – wer kann helfen??? Bitte meldet Euch, die Zeit rennt uns davon! Anfragen bitte schnellstmöglichst an Tierschutz XY….


 

Notrufe dieser Art, keine Ausnahme… schon fast die tägliche Regel. Es werden alle Möglichkeiten genutzt, auf diese Notfälle aufmerksam zu machen, sowohl in den Tierschutzkreisen, aber auch vermehrt in den „privaten“ Kreisen, wie z.B. in diversen Foren. Und was liest man dort? Ein kleiner Einblick in die oftmals seitenfüllenden Kommentare der Forumsteilnehmer…


 
 Beginnen wir nochmals mit besagtem Notruf:


 
DRINGEND!
8-jährige, kleine Mischlingshündin CORA, in einem sehr schlechten Allgemeinzustand sucht dringend eine Pflegestelle, gerne auch nur kurzfristig, bis wir eine Langzeitpflegestelle oder Endplatz für sie gefunden haben. Die Hündin ist total vernachlässigt, lebt an der kurzen Kette und hat noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Der Besitzer möchte nun wieder einen jungen Hund und will Cora morgen einschläfern lassen. DRINGEND – wer kann helfen??? Bitte meldet Euch, die Zeit rennt uns davon! Anfragen bitte schnellstmöglichst an Tierschutz XY….


 

Antwort 1: OHHHHH, wie furchtbar, nein wie grausam sind doch die Menschen?? Unfassbar!!


 
Anwort 2: Das finde ich auch, da sollte man doch was tun…. was nur? Wie bekommt man denn den Hund da raus?? Soll man die Leute anzeigen?


 
Antwort 3: So eine Schweinerei… wir hatten auch mal Nachbarn, die hatten ihren Hund ähnlich schlecht gehalten!!! Darüber habe ich mich auch sehr geärgert!


 
Antwort 4: Ohhh, mein Herz blutet… ich würde ja so gerne helfen, aber meine Wohnung ist nicht groß genug, um einen Hund aufzunehmen! Ich heule schon seit einer ½ Stunde…


 
Antwort 5: Ich würde ja auch sofort helfen, aber meine Hündin mag keine anderen Hündinnen…

schade.
 
Antwort 6: Wenn mein Mann einverstanden wäre, dann würde ich sofort losfahren, und den Hund holen, aber so….


 
Antwort 7: Vielleicht kann man mit den Besitzern doch noch einmal reden? Vielleicht hilft es ja…?


 
Die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, ist sicherlich eine von vielen Voraussetzungen, um einen Zugang zur Tierschutzarbeit zu finden. Allerdings… Mitleid alleine führt zu keiner Veränderung und Verbesserung; es reicht nicht aus, um gezielt und wirksam einem Tier in Not zu helfen, denn HILFE ist Tatkraft und Worte sind… eben nur Worte!


 
Keine Frage, es kann nicht jeder in der benötigten Form Hilfe anbieten und in der Tat gibt es sicherlich Gründe, warum nicht jeder „mal eben“ einen Hund kurzfristig aufnehmen und versorgen kann. ABER… ob das individuelle „Mitleids-Getöse“ den Hund in Not rettet?? Unwahrscheinlich… es wird viel geschrieben, viel „gerechtfertigt“ und gehört zusammenfassend thematisch in die Rubrik „Warum ich nicht helfen kann – meine Gründe 1 - 10“. Und an diesem Punkt taucht dann unweigerlich wieder die Frage in meinem Kopf auf: WIE lautete doch gleich der Notruf? Bitte melden und viiiel schreiben, wenn es gute Gründe gibt, warum man nicht helfen kann????


 
Wenn Sie helfen können, erweisen Sie den Tierschutzorganisationen einen großen Gefallen und lesen Sie zunächst den Text des Notrufes ganz genau durch! Dort steht in aller Regel sehr genau, welche Art der Hilfe benötigt wird – sei es nun in Form einer Pflegestelle wie in unserem Beispiel, oder der Organisation einer Fahrtkette, um einen Notfallhund von A nach B zu bringen, Sach- oder Geldspenden. Wenn Sie tatsächlich helfen können und dann Ihre Hilfe auch zugesagt haben, sind Sie bitte auch so weitsichtig und fair und bleiben bei Ihrer Zusage – es gibt (fast) nichts Schlimmeres für einen Tierschutzverein, als ihm den rettenden Strohhalm im letzten Augenblick wieder zu entziehen getreu dem Motto: „Natürlich nehme ich den armen kleinen Hund auf, bevor er eingeschläfert wird. Aber es ist doch klar, dass Sie mir auch garantieren, dass er sich mit meiner Hündin verträgt, den Katzen, den Wellensittichen und natürlich Kinder über alles liebt, sonst...“


 
Gerade Notfälle aus Privatabgaben haben oftmals das Manko, dass die Angaben der Vorbesitzer nicht stimmen oder unvollständig sind. Sie werden der Beurteilung des „corpus delicti“ und seinem Verhalten deshalb in aller Regel nicht gerecht, weil es an Hundesachverstand fehlt und zur eigenen Ehrenrettung schließlich der Hund schuld sein muss – man selbst hat schließlich alles richtig gemacht. Oder es werden wichtige Vorfälle, in der Regel „unerfreuliche“, einfach verschwiegen oder aus dem Kontext gerissen, um die Abgabe an den Verein XY nicht zu gefährden. Genauso gut kann aber auch der „schwierige“ Hund einfach nur ein unkompliziertes Schätzchen sein… verändertes Umfeld – veränderter Hund!


 
Mit dem Angebot eines Pflegeplatzes für private Abgabetiere ist somit auch immer ein gewisses „Risiko“ verbunden – bitte überlegen Sie vorher sehr genau, was für Sie ein absolutes „K.O.-Kriterium“ wäre, das der Aufnahme eines Pflegehundes entgegen stünde: ein zu euphorisches „das klappt schon…“ ist genauso unangebracht wie Weltuntergangsstimmung. Bitte bedenken Sie, dass ein Pflegehund kein Wanderpokal ist, den man nach Belieben von einem Pflegeplatz auf den nächsten umsetzt, weil es nicht gleich am Anfang problemlos klappt mit dem temporären Zuwachs auf 4 Pfoten… in einem neuen Umfeld, mit neuen Menschen und neuen Eindrücken.


 
Wenn es aber nichts gibt, was SIE aus der eigenen Sicht der Dinge mit gutem Gewissen, nach reiflicher Überlegung und vernünftiger Abwägung IM SINNE des Notrufes tun können, warum dann nicht einfach schweigen? Das ist kein Verbrechen!Niemand muss sich rechtfertigen, warum er/sie etwas nicht tun kann, aber BITTE, ersparen Sie den Tierschutzverantwortlichen, sich durch Seiten von wohlgemeinten, aber absolut zeitraubenden und alles andere als zielführenden (im Sinne des Notrufes) Kommentaren zu lesen! Denn es geht hier um einen Hund in Not… und nicht um SIE!


 
Und bitte bedenken Sie ebenfalls, dass Tierschützer viele solcher Notfälle betreuen… zeitgleich! Da zählt jeder Tag, manchmal sogar jede Stunde, die darüber entscheidet, ob ein Notruf erfolgreich ist oder nicht…. ob der Nothund diese Nacht bereits im Warmen und Trockenen verbringen kann oder noch immer an der Kette mit eingewachsenem Halsband halbverhungert und verdurstet darauf wartet, dass ihm geholfen wird.


 
Das Letzte, was diesem Hund hilft, sind Ihre Gründe, warum Sie ihm nicht helfen können…

 

Martina Wald

www.angsthunde-intensivtraining.de

Kontakt

Martina Wald

martinawald@t-online.de

 

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