"Sind wir bescheuert...?" Diskutieren - aber wie?

Von der Kunst der respektvollen Kommunikation "unter uns"...

Beim Lesen dieses Artikels musste ich oftmals schmunzeln und heftig zustimmend mit dem Kopf nicken... auch in den Diskussionen rund um das Thema Tierschutz, Hundehaltung und -erziehung; sei es am Telefon, am "runden Tisch" oder in öffentlichen Foren; zeigen sich mitunter deutliche Parallelen...


 

Quelle: Rheinische Post, 12. Januar 2008, von Philipp Holstein

 

Sind wir bescheuert?

 

Der Soziologe Rainer Paris führt einen neuen Begriff in die Wissenschaft ein. Mit "Bescheuertheit" kritisiert er das unfreie und letztendlich unehrliche Gerede im öffentlichen Raum. Das gefährde den sozialen Zusammenhalt.

 

Wer fernsieht, politische Talkshows zum Beispiel oder die Tagesschau, der erwischt sich beim Grübeln, und die Fragen sind immer dieselben: Wenn Politiker über innere Sicherheit sprechen, meinen sie dann wirklich die innere Sicherheit? Und wenn Umweltschützer über den Klimawandel sprechen, meinen sie dann wirklich den Klimawandel? Und wenn Eva Herman spricht, meint sie dann, was sie sagt? Und wenn Moderatoren mit Eva Herman sprechen, wissen sie dann, was sie gemeint hat, oder antworten sie nur auf das Gesagte? Rainer Paris stellt sich diese Fragen auch. Und weil der 59-jährige Professor für Soziologie ist, schrieb er für die Zeitschrift "Merkur" einen Aufsatz darüber. Er heißt "Bescheuertheit".

 

Paris´ Text ist die scharfzüngige Analyse eines mentales Tatbestandes, der in unserer Gegenwart verbreitet ist und der verhindert, dass ein Problem gelöst wird. "Bescheuertheit", sagt Paris, "ist eine Methode, die Dinge von vornherein so einzurichten, dass man, was auch immer geschieht, niemals irren kann". Der Magdeburger Hochschullehrer mit den Spezialgebieten Machtsoziologie und Ethnografie von Alltagssituationen erzählt von einer Talkshow aus Anlass des Jahrestages der Katastrophe von Tschernobyl. Die Vertreterin einer Bürgerinitiative erregte sich, dass es für den Fall eines Super-Gaus keine Evakuierungspläne gebe. Als der Angesprochene versicherte, dass man für den Ernstfall natürlich Katastrophenpläne bereithalte, echauffierte sich die Frau erst recht und wertete es als Eingeständnis der Unglaubwürdigkeit aller Versicherungen, ein Unglück wie das von Tschernobyl sei hierzulande ausgeschlossen. "Der Bescheuerte hat nur ein Thema. Er lauert auf Anlässe für Wortschwall und Entrüstung. Er will anderen seine Ordnungsvorstellungen oktroyieren, seine Bornierungen verallgemeinern. Er stilisiert sich als Opfer und die anderen als Täter. Dadurch ist er immer moralischer Sieger." Was, einer sagt, sagt also mehr aus über die Voraussetzungen, unter denen er es sagt, als über Tatsachen.

 

Das Gefährliche an der Bescheuertheit ist ihre Dynamik, sagt Paris. Sie wird von der Befindlichkeit von Menschen zu einer sozialen Mechanik. Paris hat diese Verschiebung der Normalität bei Gesprächen über Feminismus beobachtet, über Terrorismus, Tierschutz und im Wahlkampf. "Kaum jemand sagt noch, was er meint. Vielmehr versichern die meisten schon im voraus, was sie auf keinen Fall meinen. Niemand argumentiert mehr angstfrei." Für Paris stellt diese Entwicklung einen Angriff auf die Voraussetzungen der Meinungsfreiheit dar: Man höre nicht zu, sondern rüste sich, während der Gegner spricht, für neue Attacken. "Bescheuertheit verwechselt Argumentation und Agitation."

 

Ein Beispiel für Bescheuertheit, doppelte Bescheuertheit gewissermaßen, ist der Rauswurf Eva Hermans aus einer Talkshow. Er ist für Paris der Höhepunkt des falschen Umgangs mit den umstrittenen Thesen der Autorin. "Eva Herman ist ja nicht deshalb publizistisch gesteinigt worden, weil sie etwas Dummes über Hitler, sondern weil sie die Wahrheit über Emanzenland gesagt hat. Obwohl sie gewiss simpel und schematisch argumentiert, weiß sie von den Problemlagen heutiger Frauen intuitiv mehr als die meisten Gendertheorien. Nehmen Sie den Begriff "Herd". Das ist heutzutage fast nur noch ein Schimpfwort, ein Kampf- und Signalbegriff für Hausarbeit als Verblödung und Ausbeutung. Er steht in Wirklichkeit aber auch für ein Gefühl, für die Lust, gemeinsam in der Küche zu hocken, für Wohnlichkeit und Zuhause."

 

Die Bescheuertheit habe das Zeug, die Gesellschaft zu verwüsten, sagt Paris. "Sie raubt den Menschen die Sprache, in der sie sich ausdrücken können. Ihre Rede drückt nicht mehr aus, wie sie leben und was sie wirklich fühlen."

 

Paris nennt Paul Kirchhof als Beispiel, den parteilosen Professor und Steuerexperten. Er habe nach einem Wahlkampf, in dem er heftig attackiert wurde, gesagt, vor dieser Erfahrung habe er versucht, sich klar auszudrücken, damit jeder ihn versteht. Nun überlege er fortwährend, wie er sich ausdrücken könne, damit er nicht böswillig verfolgt werden könne. Paris konstatiert eine "Umstelltheit von Prangern, die jedwede Unbefangenheit blockieren".

 

Paris´ Phänomenologie gehört in eine Reihe von soziologischen Versuchen, die Gegenwart unmittelbar zu systematisieren und zu therapieren - Harry G. Frankfurts großer Bestseller "Bullshit" (Suhrkamp) beispielsweise. So ist denn "Bescheuertheit" durchaus polemisch gemeint, aber eben auch als Appell. "Wenn man jemanden zuruft ´Bist du bescheuert´?, dann will man ihm mitteilen, dass er innehalten soll", sagt Paris. Hoffentlich fühlen sich viele angesprochen.

 

 Philipp Holstein


Kontakt

Martina Wald

martinawald@t-online.de

 

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